Warum ich jetzt in Wien wohne, obwohl St. Pölten ja bekanntlich St. Pölten ist

Posted by in Kommentare, Meta/Privat

Sagen wir es mal so: Wahrscheinlich werden mich die NÖN und das St. Pöltner Bezirksblatt als Persona non grata bezeichnen, aber seit heute bin ich offizieller Mieter einer Wohnung im 14. Wiener Gemeindebezirk. Und das knapp neun Monate nachdem ich St. Pölten eine virale Liebeserklärung gemacht habe. Der erneute Versuch einer Erklärung.

Lebensabschnitte enden

Meine Liebe, die ich vor rund neun Monaten gestanden habe, war und ist nicht gelogen. St. Pölten ist eine wunderbare, stark unterschätzte Landeshauptstadt mitten in Niederösterreich. Ich habe mich wohlgefühlt, habe dort nach langer Suche das Gefühl des „Ankommens“ verspürt. Mein Leben war in – für mein Verständnis – geregelten Bahnen, der Plan bis zum Ende des Lebens ungefähr vorbestimmt. Doch das hat sich alles geändert.

Die Pärchen-WG, in der ich wohnte, endet mit Ende Juli. Erstens, weil es immer nur der Plan war, drei Jahre in dem kleinen Reihenhäuschen zu wohnen, zweitens weil das eine Paar bereits vor rund zwei Monaten zu einer längeren Reise aufgebrochen ist und drittens, weil das übrig gebliebene Pärchen sich getrennt hat. Und von letzterem war ich ein Teil davon. Wäre alles nach Plan verlaufen, wären sie und ich im August zusammengezogen, wahrscheinlich wieder in St. Pölten und nur eventuell in Wien, hätten dort unsere beiden Studien abgeschlossen, hätten uns irgendwann verlobt, geheiratet und drei Kinder gekriegt. Doch als das Ende vor der Tür stand, habe ich gemerkt, dass St. Pölten zu einem großen Teil vor allem auch Schutz war. Ein Einlullen in einem ruhigen, bestimmten Leben, ein Verharren in beruhigender Nicht-Veränderung. Nachdem der erste Schmerz verdaut war, brannte ich auf Veränderung. War zu einem großen Teil mutiger, als ich es die letzten dreieinhalb Jahre der Beziehung über war, sehnte mich nach etwas mehr Leben in meinem Leben und überlegte.

Was hält mich noch in St. Pölten? Ja, ich liebe diese Stadt. Ja, ich konnte mit Wien in meinem ersten Jahr an der Universität (2008/09) nicht viel anfangen. Die Stadt hat mich erdrückt, und doch laufen in ihr all meine Ideen, Pläne, Verpflichtungen und auch Träume zusammen. Ich studiere an der FH Wien der WKW „Journalismus und Medienmanagement“, war bis Ende Juli bei ovos angestellt, bekomme eventuell mit Anfang September einen neuen, hochspannenden Job in Wien. Und ja, dieses Mal sind da auch Menschen, die für mich da sind. Studienkolleginnen und -kollegen, Freundinnen und Freunde, Möglichkeiten und Hoffnungen. Wien ist immer noch ein Monstrum von einer Stadt, kaum zu durchschauen, schwer zu verstehen. Aber ich will mich nicht aus Angst vor ihr fernhalten, sondern ihr mit Respekt gegenübertreten.

Lebensabschnitte beginnen

Ich habe die letzten Jahren extrem viel gearbeitet (und mir nebenbei Unmengen an Reichtum auf die Seite gelegt und offenbar verlegt). Ich habe mich zurückgezogen, nicht, weil es von mir verlangt wurde, sondern weil ich ein ruhiges Leben wollte. Und es hat bis zum letzten Vorlesungstags des zweiten Semesters gedauert, bis ich es endlich wieder spürte. Als wir zuerst beim Heurigen, danach in einem „Club“ mit Bravo-Hits-Party und später an einem ganz besonderen Ort die Nacht ausklingen und den Morgen begrüßen konnten. Da spürte ich es wieder, so pathetisch es auch klingen mag, dieses Leben, dieses Aufregende, Spannende, dieses Herzklopfen, diesen Wagemut. Dieses „Hör endlich mal auf ständig nachzudenken und sei einfach, verdammt noch mal!“. Dieser Abend war so schön und eindrucksvoll, dass er mir wohl noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Danach habe ich mich bei meiner Wohnungssuche vor allem auf Wien konzentriert. Weil ich, durch die Verlagerung meiner Freunde und Bekanntschaften in die Großstadt, am Leben teilhaben möchte und ich nicht, wenn wir uns nach einem Vorlesungstag mal auf ein Bier treffen, nach einem Glas bereits aufbrechen muss, um ja den vorletzten Zug zurück nach St. Pölten zu erwischen. Ich möchte endlich mal wieder Teil einer Jugendbewegung sein, und sei es nur ein richtiger, lebendiger Teil unseres Studium-Jahrgangs.

Lebensabschnitte bleiben

Menschen oder Orte, mit bzw. an denen ich eine wunderbare Zeit verbracht habe, kann und will ich nicht aus meinem Leben verbannen. So halte ich auch mit meiner jetzigen Exfreundin Kontakt, will die Freundschaft, die wir 7 Jahre vor Beziehungsbeginn führten, irgendwann wieder genauso führen, behalte unsere gemeinsame Zeit in meinem Herzen, aber ich bleibe nicht daran hängen, sondern blicke nach vorne. Genauso wie ich nicht krampfhaft versucht habe, in St. Pölten zu bleiben, sondern mutig genug war, den Weg nach vorne (bzw. nach Osten) anzutreten. Und St. Pölten bleibt natürlich weiterhin mein Joker. Wird mir die Bundeshauptstadt mal zu viel, dann steig ich einfach in den Zug und in 30 Minuten bin ich wieder da. Kann durch die Altstadt spazieren, mir einen köstlichen Tee im Addo’s bestellen oder mich in den Schatten eines großen Baumes im Hammerparks setzen. Oder natürlich jene Freunde besuchen, die immer in St. Pölten und Umgebung wohnen. Sie ist ja nicht aus der Welt, diese Stadt mit ihre Tristesse, ihrem Potential und ihren wunderbaren Menschen.

Und jetzt freue ich mich auf das Neue: Die nette, kleine Single-Wohnung ist mein, der Einzug findet am Wochenende statt und schon sind unzählige Pläne für die kommenden Wochen in Wien geplant. Ich bin aufgeregt und freue mich, dass es Menschen gibt, die mich dieses Mal in Wien an die Hand nehmen und mir die Welt zeigen, vor der ich mich so lange geängstigt habe. Das tut gut und macht mich hungrig, endlich einzuziehen. In mein eigenes Reich, in meine eigenen vier Wände, in die Stadt, die ich so lange Zeit verabscheut und in den vergangenen Jahren offenbar doch immer mehr zu lieben gelernt habe.

Bildquellen:

Titelbild: eskarina / Pixabay
Bild 1: fak1911 / Pixabay
Bild 2: EinGefangenerMoment / Pixabay
Bild 3: Joergelman / Pixabay