Anderswo: Gastbeitrag in der Pinsdorfer Pfarrzeitung

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Vergangenen Oktober habe ich – nachdem ich vom Pfarrassistenten (und eigentlich dem wahren Pfarrer) meiner Heimatgemeinde, Gerhard Pumberger, gefragt wurde – einen Text für die Pfarrzeitung miteinander geschrieben. Das Thema sollte „Heimat“ sein – ein Thema, das mich schon seit Jahren beschäftigt.

Das Resultat erschien Ende November/Anfang Jänner per Hauswurfsendung an alle Pinsdorfer Haushalte – und ich habe seither bereits viele positive Rückmeldungen bekommen. Das freut mich sehr – war doch wahrscheinlich 99 Prozent der Einwohner meiner Heimatgemeinde nicht klar, dass ich schreibe.

DasHeimatgefühl

Wem es zu klein zu lesen ist – oder ganz einfach den Volltext so haben möchte, hier der ganze Beitrag:

Das Heimatgefühl

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In den vergangenen Jahren habe ich mir viele Gedanken zum Thema „Heimat“ gemacht. Für viele Jahre war das Haus meiner Eltern, der Platz meines Heranwachsens, meine Heimat. Aber nach und nach verlor dieser Ort an Bedeutung. Ich schaffte es dort nicht mehr, wirklich „anzukommen“, sondern legte irgendwann nur mehr Zwischenstopps ein.

Direkt nach dem Zivildienst habe ich ein Studium in Wien begonnen. Und bin geradewegs an der Stadt gescheitert: Weil Wien mir nicht jene Heimat sein wollte oder konnte, die ich aus Pinsdorf gewohnt war. Es hat lange gedauert und ich habe der Großstadt viele Jahre nicht verziehen, bis ich bemerkte, dass ich die ganze Zeit einer Utopie nachgejagt bin.

Heimat ist kein geografischer Ort, den man mit Zug oder Auto erreichen kann. Heimat trägt man immer im Herzen. Es ist die Familie, in der man sich (zumindest die meiste Zeit) verstanden fühlt. Oder der Freundeskreis, der einen schon sein halbes Leben begleitet und der einen immer wieder auffängt. Es kann der Partner oder die Partnerin sein, bei der man ein Gefühl des „Ankommens“ verspürt. Es kann die Leidenschaft sein, die man bei einer Tätigkeit verspürt. Heimat kann in allem stecken.

Der Duden beschreibt Heimat als einen Ort, in dem man „[geboren und] aufgewachsen ist oder sich durch ständigen Aufenthalt zu Hause fühlt (oft als gefühlsbetonter Ausdruck enger Verbundenheit gegenüber einer bestimmten Gegend)“. Auch wenn ich den Sprachwissenschaftlern widerspreche (es muss kein Ort sein!), muss ich ihnen doch auch recht geben (gefühlsbetont!). Heimat kann so vieles sein und doch sollte sie vor allem eines nicht sein: Ein Vorwand, um sich abzuschotten.

Im vergangenen Wahlkampf und auch während der andauernden Flüchtlingssituation hört man es nur zu oft: Wir müssen unsere Heimat schützen, sonst wird sie uns weggenommen. Wer wirklich an diese „Gefahr“ glaubt, wird es nicht verstehen, aber: Wir reden hier von Menschen, die sich aufgrund von Krieg, Verfolgung oder bitterer Aussichtslosigkeit entschließen, ihre Heimat zu verlassen. Das macht niemand gerne und ist für viele von uns vollkommen unvorstellbar. Deshalb sollten wir alles daran setzen, dass diese Menschen das Gefühl von Heimat bei uns finden und fühlen. Das wäre ein Akt der Menschlichkeit. Denn dieses Gefühl des Nicht-Ankommens, dieser Schmerz der vollkommenen Heimatlosigkeit erdrückt einen.

Ich trage Heimat seit ein paar Jahren immer mit mir herum, beinahe so wie ein Rucksack. Es hat lange gedauert, bis mir bewusst wurde, dass Heimat ein imaginärer Ort ist. Es ist für mich überall dort, wo ich einfach nur ich sein kann. Und seit ich das verstehe, habe ich mich zwar schon ein paar mal verirrt, bin falsch abgebogen oder habe einen Umweg genommen, aber ich habe nie wieder meine Heimat verloren.

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