Immer wieder der Terror und diese verdammte Ratlosigkeit

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Das Attentat auf Charlie Hebdo lässt mich schockiert zurück. Und vor allem ratlos – und das ist ein verdammt beschissenes Gefühl.

derStandard.at hat mich durch eine Eilmeldung via Whatsapp darauf aufmerksam gemacht. „EILT: mindestens 10 Tote nach Schüssen in Redaktion von Pariser Satirezeitung“. Ich hab noch etwas gebraucht, um mehr und mehr zu realisieren, was da, kurz vor Mittag, in Paris passiert ist. Von halb eins bis halb fünf Uhr saß ich dann vor dem Fernseher, wechselte zwischen euronews und BBC News, sah immer die gleichen Bilder, die Aufnahmen, hörte die Schüsse. War gebannt, wie es ein Katastrophenvoyeur der heutigen Zeit eben ist. Aber in Wahrheit war ich einfach nur sprachlos. Das merkte ich, als ich meiner Mutter das Ereignis erklärte, als sie von ihrer Arbeit nach Hause kam. Man sagt das nicht einfach so, dass da zwei oder drei Menschen mit Kalaschnikows in ein Redaktionsgebäude gerannt sind und dabei 12 Menschen getötet und weitere schwer verletzt haben. Zwei Mal musste ich den Satz beginnen, hatte dabei stets einen Kloß im Hals und bemerkte, dass es mich eben doch überraschend stark mitnimmt. Weil es da eben um mehr geht als um ein brutales, hirnrissiges Attentat. Weil es ein Anschlag auf Journalisten war, weil es zugleich – pathetisch gesagt – ein Anschlag auf die freie Meinungsäußerung bedeutet. Und weil dieser Hass, der zu diesen Morden führte, in einen anderen Hass münden wird und weil die Menschen offenbar nicht in der Lage sind, aus der Geschichte zu lernen.

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Der elende Fanatismus

Der Islam ist der Schuldige. Da waren sich rasch so einige einig. Weil der Islam von Grund auf eine brutale Religion sei, eine Religion der Unterwerfung. Wer den Koran lese, werde das rasch bemerken, wird einem empfohlen. Ich hasse diese Verallgemeinerungen, die natürlich sogleich zu einer (Islamo-)Phobie bzw. zu Hass führen. Aber was unterscheidet den Koran von der Bibel? Vor allem das alte Testament ist brutal, erklärt, wie man mit Ungläubigen umzugehen habe, mit Menschen, die nicht richtig leben würden. Trotzdem kämen 99,9 % der Christen nicht auf die Idee, die Bibel derart auszulegen. Und so denke ich auch, dass es beim Islam ist: Eine Religion, bzw. ein religiöses Buch ist immer nur so schlimm, wie sie bzw. es interpretiert wird.

Ich habe keine Angst vor der „Islamisierung des Abendlandes“. Ich glaube nicht, dass ein Frankreich 2022, wie es vom umstrittenen Schriftsteller Michel Houellebecq in seinem Buch „Soumission“ beschrieben wird, nicht Realität werden kann. Ich stehe zur Religionsfreiheit, wie ich natürlich, vor allem als Journalist, auch zur Meinungsfreiheit stehe. Aber was mir Angst macht ist die Ratlosigkeit.

Der 11. September 2001 in New York, der 11. März 2004 in Madrid, der 9. Juli 2005 in London, der 15. April 2013 in Boston und nun der 7. Jänner 2015 in Paris. Der Terror im Namen des Islams zeigt immer wieder seine Brutalität. (Und ja, Breivik machte den 22. Juli 2011 zu einem Tag, der zeigte, zu welcher Brutalität ein islamophober, christlich-fundamentaler Mensch – also von der anderen Seite des Hasses – in der Lage ist.) Warum ist aber diese Religion, der Islam, so anfällig dafür? Warum gibt es hierbei heute noch derartig fanatische Anhänger? Solch fanatischen Anhänger, die Mord, Massaker & Anschläge als das richtige Instrument ansehen?

Aufklärung erbeten

Das Attentat auf Charlie Hebdo zeigt so vieles: Dass man stets in der Gefahr leben muss, für die Meinungsfreiheit sterben. Dass den Islamisten eben jene Werte ein Dorn im Auge sind, für die vor 300 Jahren Menschen in Europa kämpften: eben die Freiheit, die Gleichheit und die Brüderlichkeit. Die Aufklärung entmachtete zu einem großen Teil die katholische Kirche. Drängte sie zurück, ließ sie nicht verschwinden, aber sie ließ neben der eventuellen göttlichen Intelligenz auch noch die Intelligenz des Individuums entstehen. (Was nicht immer gelungen, aber im Grunde recht positiv ist.) Beim Islam fehlt mir diese Entwicklung bisher.

Der Islam (die 99,9 Prozent) müsste sich darum bemühen, wobei ich nicht weiß wie. Aber nur damit kann es gelingen, dass man die Radikalen, die Fanatisten und Fundamentlisten bloß stellt, sie demütigt. Dass man ihnen ihre Idiotie, ihren Wahnsinn aufzeigt. Dass sie es vielleicht irgendwann nicht mehr wagen, im Namen ihres Gottes zu morden. Dass Michel Houellebecqs neuestes Werk schon zu Erscheinen eindeutig in das Bücherregal „Fiktion“ gestellt werden kann, weil es irgendwann keine Islamisten mehr gibt, niemand mehr die Scharia einführen möchte und der Islam einfach nur eine Religion wie so viele andere ist. Mit all seinen Werten und Ansichten, mit all seinen positiven und negativen Dingen.

Und damit man auch die geschürten Ängste von Organisationen wie PEGIDA zielführend entkräften kann. Denn dieser Anschlag bekräftigt eine der Ängste: Dass man aufgrund radikaler Islamisten nicht mehr sagen kann, was man will. Indem man sie belächelt, veräppelt und als durch und durch dumm darstellt, wird man diese neue politische Gruppierung nicht verschwinden lassen. Vor allem jetzt nicht.

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Je suis Charlie

„Ich bin Charlie Hebdo“ – Diese vier Worte zieren gerade unzählige Social Media-Kanäle. Auf der ganzen Welt gibt es Menschenaufläufe gegen Gewalt und für die Opfer dieses sinnlosen Massakers. Diese Toten erschüttern mich wahrscheinlich mehr als jene Toten von London oder Madrid – New York ist sowieso ein eigenes Thema: Weil sie publiziert haben, was publiziert werden soll. Weil sie gezeichnet haben, um Unaussprechliches zu kritisieren. Weil sie gestorben sind, weil ihre Meinung jemand anderen nicht gefallen hat.

Und vielleicht bin auch nur deshalb so ratlos: Weil es da nichts zu verstehen gibt. Weil es diese Terroristen immer noch gibt. Weil meine Angst davor nicht unbegründet ist. Weil es immer und überall passieren kann. Und weil man gerade deshalb nicht aufhören darf, darüber zu schreiben. Zu publizieren. Seien es satirische Zeichnungen wie jene von Charlie Hebdo, sei es eine düstere Zukunftsutopie von Houellebecq (welche übrigens gestern, am Tag des Anschlags auf Französisch erschien), seien es Mohammed-Karikaturen oder eine South-Park-Folge.

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