Morgen dann…

Posted by in Anderswo

Es gibt sie, diese Sprichwörter, mit denen man aufwachsen muss. „Was du heute kannst besorgen, verschiebe nicht auf morgen.“ ist so eines. Irgendwann schlich sich bei mir aber dieser furchtbare Gegen-Satz „Morgen ist auch noch ein Tag.“ in meinen Kopf. Und brachte dabei mein ach so durchgeplantes Leben durcheinander.

Prokrastination scheint wohl einer der angesagtesten Trends heutzutage zu sein. Lernen? Morgen! Mal wieder etwas lesen? Morgen! Fernseher abschalten? Morgen! Diesen Artikel schreiben? Mor… – Moment. Eigentlich hatte ich es ja auch vor, aber ich wollte mir ganz einfach diesen allzu ironischen Fauxpas ersparen.

»Ein akuter Fall von Aufschieberitis!«

Pro cras: für morgen. So erklärt es mir zumindest Wikipedia und das Stowasser Lateinwörterbuch würde wohl dasselbe Ergebnis liefern. Ich verabscheue dieses Wort. Einerseits ist es für mich ein kaum zu überwindender Zungenbrecher und zudem tauchen im Dunstkreis der Prokrastination auch diverse andere trendy Wörter auf, denen ich hier und heute jede Daseinsberechtigung entziehe. So wie z.B. „Reizüberflutung“, die man sich meiner Meinung nach in all den sozialen Netzwerken wie auch im richtigen Leben eigentlich grundsätzlich selbst aufbaut.

„Fehlende Notwendigkeit“. Wikipedia gibt mir das Stichwort, nachdem ich suche. Wir können ruhig etwas prokrastinieren, manchmal ist es notwendig und manchmal tut es auch einfach nur gut. Aber wir müssen dabei stets unterscheiden zwischen wichtigen To-Dos oder jenen, die zwar erledigt werden sollten, aber doch keinem strikten Zeitplan zu folgen haben. So mistet man seinen Terminkalender Tag für Tag aus, prokrastiniert und löst somit eine Kettenreaktion aus.

Aber was, wenn einem vollkommen die Lust fehlt? Wenn die Motivation am Ende ist? Vor allem Dinge, die einem Unmengen an Energie rauben und bei dem das Ergebnis viel zu lange auf sich warten lässt, lösen eine solche Motivationslosigkeit aus. Prüfungen sind so ein Beispiel. Sie rauben Freizeit, Energie, manchmal sogar ein kleines Stückchen Lebensfreude und am Ende ist es dann doch nur ein Sehr Genügend oder ein Nicht Gut im Zeugnis. Aber für solche Dinge muss man sich ganz einach motivieren. Wie das geht?

»Die Macht der kleinen Schritte«

Setze dir Ziele. Und sei dir im Klaren: Du kannst alles schaffen. Und wenn nicht, frag jemanden, der dir dabei hilft. Und – bleiben wir beim Prüfungsbeispiel – nehmen wir mal an, das Ziel ist eine gute Note: Dann brauchen wir noch Meilensteine, die du dir selber setzt. Bis Dienstag dieses Stoffgebiet, bis Donnerstag jenes? Durch diese kleine Zwischenziele stellt sich so rasch ein spürbarer Erfolg ein, und schön langsam hört man auch damit auf, unliebsame Dinge zu prokrastinieren … weil man bemerkt, dass ein gewisser Zeitplan sicherlich nicht sinnlos ist.

Ich höre schon die mahnenden Worte: „Zeitplan? To-Dos? Will der etwa, dass ich mein Leben plane?“ Nein, liebe Leserinnen und Leser, das würde ich mir nicht erlauben. Bin doch ich selbst noch wunderbar planlos, lasse mich treiben und mache es mir am allerliebsten erst einmal gemütlich. Ich folge nämlich einer wundervollen Lebenseinstellung, die ich Schreiten genannt habe: statt durch die Welt zu hetzen, nehme ich mir manchmal Zeit, einfach mal Halt zu machen. Nehme mir die Zeit, um mich mit Musik in meinen Ohren in die Wiese zu legen, um Wolkentierchen zu formen, um mich auch einfach nur mal auf einen Randstein zu setzen. Man wird vielleicht hie und da etwas schief angesehen, aber das ist es absolut wert.

»Schrittempo, bitte!«

So habe ich mich schon aus so manch stressiger Zeit gerettet. Prokrastinieren ist – zumindest anfangs – eine Kernaufgabe des „Schreitens“, weil für diese kurzen Momente der Entschleunigung einfach mal nur ich im Mittelpunkt stehe. Dann mache ich mich auf die Suche nach meiner inneren Ruhe, komme – wie man so schön sagt – wieder mal runter. Und bekomme so Zeit zum Beobachten, zum Pausieren und auch für meine Mitmenschen. Dass dabei so manche Verpflichtung möglicherweise etwas zu kurz kommt, bezeichne ich mal ganz vorsichtig als Kollateralschaden. Aber wenn man immer mehr beginnt, vor allem Dinge zu machen, die einem wirklich Spaß machen, die einen glücklich und zufrieden stimmen, dann werden auch die unguten Aufgaben plötzlich mit viel mehr Freude und Elan hinter sich gebracht.

Doch was ist jetzt die Moral der Geschichte? Das Prokrastinieren schlecht aber irgendwie ja doch notwendig ist? Das Planen wichtig wäre, aber planloses Leben auch seinen Reiz hat? Vielleicht machen wir es uns mit all dem etwas zu leicht. Jeder Mensch hat seine Pflichten, seine Aufgaben, die er zu seiner Zufriedenheit erledigen muss. Da wurden wir eben einfach so hineingeboren. Und – seien wir ehrlich – ein Leben, in welchem nichts von uns verlangt wird, würde uns vor lauter Langeweile rasch zerbersten lassen. Und vor allem wachsen wir an unseren Aufgaben, an unseren erreichten Zielen. Sie lassen uns zu dem werden, was andere Menschen so an uns lieben. Aber bei all dem darf man eines nicht vergessen …

»Ab ins Traumland!«

Wir dürfen unsere Träume nicht aus den Augen verlieren. Völlig egal, ob sie möglicherweise zum Teil viel zu utopisch sind: man sollte es zumindest einmal versucht haben. Ich möchte zum Beispiel ein Buch schreiben, scheiterte aber viel zu oft an meinem eigenen Perfektionismus, arbeite aber weiter daran, diesen Traum in die Wirklichkeit umzusetzen. Ohne Träume würde uns die Zukunft als unbekanntes Terrain erscheinen, mit ihnen haben wir zumindest einen Anhaltspunkt, auf den wir zusteuern können.

Deshalb: Prokrastiniere fröhlich weiter. Sei dir deiner Aufgaben bewusst, erkenne Wege, die dir dabei helfen, Dinge rascher zu erledigen. Und genieße dabei stets dein Leben, blicke optimistisch in die Zukunft und verfolge deine Träume. Das ist die Quintessenz dieses kleine Gedankenausfluges. Wir können alles schaffen und sollen nie aufhören, nach höherem zu streben. Und manchmal … ja, manchmal reicht es auch schon, sich „To-Do-Liste erstellen“ auf die To-Do-Liste zu schreiben.

Dieser Text erschien in der dritten frischluft-Ausgabe (4. Quartal 2011):

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